Filmbüro

Filmfacts

Nummer 3/ 2002

Produzentenszene
Baden-Württemberg

Interview mit
Dr. Klaus Bessey

Paketförderung

 

PRODUZENTENSZENE
BADEN-WÜRTTEMBERG

PAKETFÖRDERUNG

In der ersten Fördersitzung 2001 bewilligte die Jury der MFG-Filmförderung Baden-Württemberg erstmals eine Paket-Projektentwicklungsförderung (Incentive Funding) für drei baden-württembergische Produktionsfirmen. Nach gut einem Jahr geben Ulli Pfau (filmvergnuegen), Wolfang Katzke
(e-MOTION PICTURE) und Christian Hünemörder (gambit) der Filmfacts-Südwest-Redaktion im Gespräch mit Constantin Schnell Einblick in ihr Firmenprofil und stellen den Entwicklungsstand ihrer geförderten Projekte vor:

filmvergnuegen, Ludwigsburg und Berlin

Ulli Pfau hat sich dem Genre des Musik- und Dokumentarfilms verschrieben. "Aus Leidenschaft", sagt er. "Mit Dokumentarfilmen kann man nur Erträge erwirtschaften, wenn man sich bei Konzeption, Finanzierung und Auswertung konsequent am internationalen Markt orientiert." Sein Handwerk hat Pfau in der SDR-Dokumentarfilmredaktion gelernt, die "Gesellenjahre" verbrachte er bei EuroArts, wo er unter anderem "Blue Note" produzierte. 1999 gründete er in Ludwigsburg und Berlin filmvergnuegen. "Ein Dokumentarfilm benötigt heutzutage ähnlich viel Entwicklungsarbeit wie ein Spielfilm. Es müssen Rechte erworben werden, ein Buch wird geschrieben, finanziert wird mit ausländischen Partnern, mit Vorverkäufen und mit Fördermitteln."

Die Mittel aus dem Incentive Funding fliessen in drei Projekte. Mit der auf 16 x 30 Minuten angelegten "Berendt-Collection" sollen die Schätze aus dem SWR-Archiv gehoben werden, die Joachim-Ernst Berendt in den Jahren 1955 bis 72 produzierte: Aufnahmen von Miles Davis, John Coltrane, Thelonius Monk, Louis Armstrong und vielen anderen Jazz-Legenden. Einen weiteren Film musste filmvergnuegen verschieben. "Holland gegen Deutschland - Geschichten von Fußballkämpfen" hätte nur Sinn gemacht, wenn die Holländer an der WM teilgenommen hätten. "Nun warten wir eben bis zur EM oder zur nächsten Weltmeisterschaft", sagt Pfau. Das dritte Projekt wird ein Arte-Themenabend und behandelt die Literatur der Südstaaten der USA.
Gerade abgeschlossen ist "See what happens" - der Film über die Dokumentarfilmlegenden DA Pennebaker und Chris Hegedus hatte auf dem Filmfest München seine Premiere. In Vorbereitung ist die Dokumentation "Die Blutritter von Weingarten" von Douglas Wolfsperger.

Die nächsten großen Ziele sind gesteckt: "Wir überlegen, uns in den Spielfilmbereich hinein zu entwickeln. So groß sind die Budgetunterschiede, die Finanzierungs- und Vertriebswege zwischen High End-Doku und Low Budget-Spielfilm nicht. Aber auch hier interessieren uns vorwiegend Themen, die sich international auswerten lassen."

Das filmvergnuegen-Team: Micheline Köllmann, Ulli Pfau, Kristin Holst, Sigrid Gairing, Renate Turschner (v.l.n.r.)
© filmvergnuegen GmbH

eMOTION PICTURE, Baden-Baden und Ludwigsburg

"Wir sind ein bisschen aus der Not zum Spielfilm gekommen." Was bei einem anderen wie falsche Bescheidenheit klänge, war bei Wolfgang Katzke bittere Realität. Katzke arbeitete über zehn Jahre lang beim SWF als Produktionsleiter, Redakteur und Regisseur und produzierte lange die Dokumentarfilmreihe "Schätze der Welt" - bis die Auftragslage in den Jahren 1999 und 2000 drastisch einbrach. Seitdem sind die dokumentarischen Auftragsarbeiten für den Sender nur ein untergeordnetes Standbein von Katzkes Firma eMotion Picture. "Leider", wie er sagt.

Wolfgang Katzte mit Jörn Precht, einem seiner Autoren
Foto: Kathleen Reinicke
© MFG

Er begann, vermehrt Stoffe für abendfüllende Dokumentationen, später auch fiktionale Stoffe zu entwickeln. Heute sind allein sechs Projekte in Produktion und neun weitere in Planung. Mit den Mitteln des Incentive Funding wurden die Kinodokumentationen "Lost Birds" und "STASI - Alltag einer Behörde" entwickelt sowie eines von Katzkes Lieblingsprojekten, "Taxi zum Tatort". Die Serie rund um einen korpulenten Freiburger Taxifahrer und Hobby-Detek-tiv "wäre ideal für eine SWR-Produktion". Katzke hofft, die Redaktion seines Haussenders "einmal positiv darauf einstimmen zu können".

Gerade abgedreht ist die SWR-Koproduktion "Ein Schiff wird kommen", das Debüt des Berliner Regisseurs Pepe Planitzer. Anfang nächsten Jahres soll der Film ins Kino kommen. Längst arbeitet eMotion Picture auch mit anderen Sendern zusammen. Neben Koproduktionen mit dem WDR und MDR stehen für Sat.1 zwei Stoffe in der Projektentwicklung, die Romantic Comedies "Delikatessen und andere Schweinereien" und "Henry & Sally". In Vorbereitung befinden sich auch die deutsch-kanadischen Koproduktionen "Der Hüter des Talisman" (2x90 Minuten-Kinderfilm) und "Mina's unknown journey" (Kinofilm).

Wie stark ist eMotion Picture dabei noch im Land verwurzelt? "Es ist bald soweit, dass wir vorwiegend mit baden-württembergischen Autoren und Kreativen zusammenarbeiten. Nicht von ungefähr haben wir im letzten Jahr eine Niederlassung in Ludwigsburg gegründet. Wir erhoffen uns viel von den Talenten, die aus der Akademie kommen."

gambit Film- und Fernsehproduktion, Ludwigsburg

"Ohne Sender geht eigentlich fast nichts", bringt es Christian Hünemörder auf den Punkt. Hünemörder und sein Kollege Michael Jungfleisch produzieren nicht nur abendfüllende Spiel- und Dokumentarfilme, sondern auch Kurz- und Eventfilme. gambit ist eine "klassische" Ausgründung der Filmakademie Baden-Württemberg. Die Firma wurde 1998 von den beiden Produktions-Absolventen gegründet und landete schon im ersten Jahr einen Treffer. Kaum jemand im Südwesten Deutschlands kennt sie nicht, die "Die Blume der Hausfrau", den fast schon kultig zu nennenden Dokumentarfilm über eine Gruppe von Staubsaugervertretern.

Regisseur Dominik Wessely und Katja Walter (MFG) ehren die "Blume der Hausfrau" und ihren 6666. Besucher
© (s. Impressum)

Auch "Ring of Fire", ein Zeichentrickfilm von Andreas Hykade, lief weltweit auf Festivals. Doch das eigentliche Ziel der beiden jungen Produzenten ist der Spielfilm. Mit "Mein Bruder der Vampir" konnten sie 2001 auch in diese Liga einsteigen. Der SWR-Debütfilm von Sven Taddicken wurde in Koproduktion mit TeamWorx und dem BR gedreht.

Christian Hünemörder
© (s. Impressum)
Michael Jungfleisch
© (s.Impressum)

Doch die Entwicklung von Filmen, ob nun Trick-, Dokumentar- oder Spielfilme, kostet viel Geld. gambit war eine der ersten Film-Firmen, die intensiv mit der Ludwigsburger Kreissparkasse in Kontakt trat. Seit 1999 ist die S-Wagniskapitalbeteiligung stiller Teilhaber bei gambit. Der nächste Schritt war das Incentive Funding: "Dadurch konnten wir auf einen Schwung mehrere Projekte angehen", beschreibt Christian Hünemörder die Entwicklung. "Oh happy day" (Buch: Christoph Fromm) ist eine Zusammenarbeit mit "Blume"-Regisseur Dominik Wessely - diesmal ein Spielfilm, bei dem möglicherweise der WDR einsteigt. "Max" ist ein Projekt des Filmakademie-Absolventen Thomas Frydetzki, geschrieben von Markus Dittrich. "Geschlecht: Weiblich" liegt dem ZDF vor, Regie wird Dirk Kummer führen, der mit gambit bereits seinen Kurzfilm "Wohin mit den Witwen?" realisierte. Weitere Filme sind in der Entwicklungsphase. Der Schwerpunkt liegt dabei nach wie vor auf dem Debütfilm.

Das nächste Projekt, das in Stuttgart realisiert werden soll, ist "Heimkehr" von Damir Lukacevic und Edin Hinrichs-Hadzimahovic, eine Produktion des Kleinen Fernsehspiels (ZDF). Weit oben auf der Wunschliste steht dann wieder eine Koproduktion mit dem SWR, ohne den in Baden-Württemberg fast nichts geht.

PRODUZENTENFORUM BADEN-WÜRTTEMBERG

Auftaktveranstaltung: 2.09.02
Workshops ab Oktober 2002

Am 2. September wird in einer Kooperation zwischen MFG und SWR das erste baden-württembergische Produzentenforum stattfinden. Ziel der Veranstaltung ist der Informationsaustausch über die anstehende Programmreform des SWR und die damit verbundenen Programmschienen und -formate, die an freie Produktionsunternehmen vergeben werden sollen.
Im Rahmen der Veranstaltung werden SWR-Redaktionen ihre Anforderungen an die Produzenten formulieren. Gleichzeitig dient das Forum aber auch zur Präsentation der Möglichkeiten und der Leistungsprofile der in Baden-Württemberg ansässigen Produzenten, die in diesem Rahmen auch alle Fragen und Forderungen an MFG und SWR formulieren können.

Dr. Ruth Blaes, Geschäftsführerin der ZFP Wiesbaden (Zentrale Fort-bildung für Programm-Mitarbeiter der ARD und ZDF) wird die Veranstaltung moderieren. Die Einstimmung und Key Note wird Sytze von der Laan, Geschäftsführung Studio Hamburg, vortragen und darin bereits den gesamten Themenkomplex von Senderstruktur über Tochterunternehmen bis zu freier Produktion und Wettbewerb anreißen.




 
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