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von Thomas Tielsch
(Autor/Regie)
Das Schloss der Hohenzollern in Sigmaringen
hat 470 unbeheizte Zimmer, einen gigantischen Speicher mit adligem
Gerümpel der letzten 500 Jahre und steht auf einem Felsen
über der Donau. "Schief! verdreht überall! Außen!
Innen!... Seit vierzehn Jahrhunderten ist es nah daran, ins Wasser
umzukippen!", schrieb Louis Ferdinand Céline.
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© (s.Impressum) |
Der französische Schriftsteller lebte
hier mit seiner Frau und dem Kater Bébért während
der letzten Kriegsmonate. Im September 1944 war die gesamte französische
Vichy-Regierung unter Marschall Pétain, die mit der deutschen
Besatzungsmacht kollaboriert hatte, hierher gebracht worden, wo
sie eine operettenhafte Exilregierung ohne Territorium bildete,
während im Bahnhof unten die vereiterten und verstümmelten
Soldaten aus den Lazarettzügen gehievt wurden und der kleine
Ort überschwemmt war von über tausend französischen
Kollaborateuren und ihren Familien.
Céline beschreibt die Situation als eine apokalyptische
Groteske, geprägt von der Paranoia derer, die zwar Opfer
der Umstände, aber auch Mittäter waren. Sein Text ist
delirant, gewalttätig, komisch.
Wir - das Produktionsteam von filmtank
hamburg - stehen in einer behäbigen oberschwäbischen
Kleinstadt und machen die Bilder zu diesem Text. "Siegmaringen"
ist eine Literaturverfilmung mit dokumentarischen Mitteln, die
von den Filmförderungen in Baden-Württemberg und Hamburg
sowie von ZDF/arte finanziell unterstützt wird.
Wir kippen Schweineblut in einen unschuldigen Bach und tote Forellen
hinterher und lernen, dass tote Fische keineswegs oben schwimmen.
Wir holen die Forellen wieder raus und lassen sie uns im Hotel
zum Abendessen braten. Wir finden eine Erdfabrik, aus deren gigantischen
gärenden Humushaufen Dampf in den morgendlich kühlen
Himmel steigt und sehen im ersten Licht die Fasnachtshexen, die
scheppernd und ratschend durch die Gassen springen.
Wer im Hohenzollernschloss drehen will, wendet
sich an die Fürstliche Hofkammer. Der zuständige Freiherr
erweist sich als harter Brocken; die fürstliche Familie scheint
klamm zu sein. Und überhaupt: wer versichert uns gegen zerkratzte
Kommoden, zerdepperte Vasen und abgefackelte Dachstühle?
Eingeschaltet wird eine reizende Dame, die nur ganze Schlösser
am Stück versichert. Deckungssumme: auf jeden Fall mindestens
zehn Millionen! Doch die Dame von der Schlossversicherung ist
äußerst kulant und auch die Schlossbediensteten sind
uns gut gesinnt, sie schalten für uns alle 470 Deckenlampen
an, öffnen verschwiegene Gemächer und waten sogar durch
die Humushaufen des Erdwerks.
Kameramann Bernd Mosblech und
Hans-Jörg Bramm drehten auf Super 16 und mit Sony
PD 150. Sie machten auch in banalem Ambiente großartige
Bilder, und die kleine DV-Kamera auf dem Handyman glitt im Tiefflug
über den schwankenden Boden. Der Friseur öffnete uns
die Schränke mit seinen Vichy-Devotionalien, der Apotheker
hatte noch ein Morphium-Rezept von Céline, der Elektriker
zeigte uns sein Arbeitsbuch von der "Deutschen Botschaft
Paris, zur Zeit Sigmaringen", wo er Laufbursche war, und
sie alle fragen sich, wann dieser Film eigentlich mal fertig wird.
Das wird voraussichtlich aber noch dauern, denn die Fülle
des Materials befindet sich zur Zeit noch im Schnitt.
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