Filmbüro

Filmfacts

Nummer 4/ 2002

Produktionsberichte

Lautlos aber gewaltig

Siegmaringen

Zu neuen Ufern

Fabrixx dreht wieder

Spedizione a Sicilia

 

 

 

PRODUKTIONSBERICHTE

Siegmaringen!

von Thomas Tielsch
(Autor/Regie)

Das Schloss der Hohenzollern in Sigmaringen hat 470 unbeheizte Zimmer, einen gigantischen Speicher mit adligem Gerümpel der letzten 500 Jahre und steht auf einem Felsen über der Donau. "Schief! verdreht überall! Außen! Innen!... Seit vierzehn Jahrhunderten ist es nah daran, ins Wasser umzukippen!", schrieb Louis Ferdinand Céline.

© (s.Impressum)

Der französische Schriftsteller lebte hier mit seiner Frau und dem Kater Bébért während der letzten Kriegsmonate. Im September 1944 war die gesamte französische Vichy-Regierung unter Marschall Pétain, die mit der deutschen Besatzungsmacht kollaboriert hatte, hierher gebracht worden, wo sie eine operettenhafte Exilregierung ohne Territorium bildete, während im Bahnhof unten die vereiterten und verstümmelten Soldaten aus den Lazarettzügen gehievt wurden und der kleine Ort überschwemmt war von über tausend französischen Kollaborateuren und ihren Familien.
Céline beschreibt die Situation als eine apokalyptische Groteske, geprägt von der Paranoia derer, die zwar Opfer der Umstände, aber auch Mittäter waren. Sein Text ist delirant, gewalttätig, komisch.

Wir - das Produktionsteam von filmtank hamburg - stehen in einer behäbigen oberschwäbischen Kleinstadt und machen die Bilder zu diesem Text. "Siegmaringen" ist eine Literaturverfilmung mit dokumentarischen Mitteln, die von den Filmförderungen in Baden-Württemberg und Hamburg sowie von ZDF/arte finanziell unterstützt wird.
Wir kippen Schweineblut in einen unschuldigen Bach und tote Forellen hinterher und lernen, dass tote Fische keineswegs oben schwimmen. Wir holen die Forellen wieder raus und lassen sie uns im Hotel zum Abendessen braten. Wir finden eine Erdfabrik, aus deren gigantischen gärenden Humushaufen Dampf in den morgendlich kühlen Himmel steigt und sehen im ersten Licht die Fasnachtshexen, die scheppernd und ratschend durch die Gassen springen.

Wer im Hohenzollernschloss drehen will, wendet sich an die Fürstliche Hofkammer. Der zuständige Freiherr erweist sich als harter Brocken; die fürstliche Familie scheint klamm zu sein. Und überhaupt: wer versichert uns gegen zerkratzte Kommoden, zerdepperte Vasen und abgefackelte Dachstühle? Eingeschaltet wird eine reizende Dame, die nur ganze Schlösser am Stück versichert. Deckungssumme: auf jeden Fall mindestens zehn Millionen! Doch die Dame von der Schlossversicherung ist äußerst kulant und auch die Schlossbediensteten sind uns gut gesinnt, sie schalten für uns alle 470 Deckenlampen an, öffnen verschwiegene Gemächer und waten sogar durch die Humushaufen des Erdwerks.

Kameramann Bernd Mosblech und Hans-Jörg Bramm drehten auf Super 16 und mit Sony PD 150. Sie machten auch in banalem Ambiente großartige Bilder, und die kleine DV-Kamera auf dem Handyman glitt im Tiefflug über den schwankenden Boden. Der Friseur öffnete uns die Schränke mit seinen Vichy-Devotionalien, der Apotheker hatte noch ein Morphium-Rezept von Céline, der Elektriker zeigte uns sein Arbeitsbuch von der "Deutschen Botschaft Paris, zur Zeit Sigmaringen", wo er Laufbursche war, und sie alle fragen sich, wann dieser Film eigentlich mal fertig wird. Das wird voraussichtlich aber noch dauern, denn die Fülle des Materials befindet sich zur Zeit noch im Schnitt.

 
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